· 

Auf Augenhöhe begegnen

Warum ich mit meinem Kleinkind und sogar mit meinem Baby Kompromisse finde.

 Ich sehe Kinder - egal in welchem Alter - als selbstbestimmte Menschen. Das heißt, ich sehe, dass sie selbst schon sehr gut wissen und spüren, was ihnen gut tut, was sie brauchen und was sie wollen. Das Verständnis von Kindern ist groß, denn Kinder sind absolut soziale Wesen, weil sie von uns abhängig sind. Sie kooperieren also, wo sie können. Je mehr wir mit ihnen kooperieren, desto mehr kooperieren sie mit uns. Wenn wir unsere Kinder hingegen ständig mit ihren Bedürfnissen übergehen, können sie nicht mehr kooperieren. Stattdessen werden sie aufmüpfig, gewalttätig oder in irgendeiner anderen Art auffällig. Sie versuchen sich, Gehör zu verschaffen. Mit Kindern Kompromisse finden , heißt einfach nur, die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder ernst zu nehmen, statt so zu tun, als wären wir Erwachsenen allwissend und dürften alles entscheiden. Natürlich fühlt sich das richtig an, denn so haben auch wir es auch erfahren. Aber es ist nicht richtig, denn damit wird immer wieder die Integrität des Kindes zerstört. Und natürlich entscheide ich Dinge, in denen es um die Gesundheit oder den Schutz meines Kindes geht, wenn es auf die Straße läuft und ich es festhalte oder wenn es sich weigert eine überlebensnotwendige Medizin zu nehmen. Aber ich spreche danach mit meinem Kind und erkläre, dass ich gerade eine Grenze überschritten habe, um es zu schützen. Wenn mein Kind im Winter aber keine Jacke anziehen will, finde ich einen Kompromiss mit meinem Kind, weil ich mein Kind ernst nehme.

 

Wenn du keine Jacke anziehen willst, lässt du dich ja auch nicht dazu zwingen, sondern bist froh, wenn derjenige hinhört oder versucht herauszufinden, warum du dich weigerst. Wenn ich mein Kind zwinge, lernt es, dass wir unsere Macht ausnutzen. Das heißt, dass das Kind in Situationen, in denen es mal die Macht hat, genau das an Schwächeren herauslässt. Wir haben als Eltern eine natürliche Macht über unser Kind: Wir haben mehr Erfahrung, wir sind stärker, wir entscheiden. Und wir entscheiden über nahezu alles für unser Kind. Wir dürfen aber bewusst mit dieser Macht umgehen, ohne sie ständig auszuüben oder schamlos und gnadenlos auszunutzen. Wenn ich die Chance habe, meinem Kind das Gefühl zu geben, dass es wertvoll ist, dass es mündig ist und gehört wird, dann mache ich das.

 

Kompromisse zu finden, heißt übrigens nicht, dass es keine Strukturen, Regeln oder Grenzen gibt. Aber genau diese werden immer wieder ausgehandelt. Ich spüre immer wieder nach, ob hier wirklich eine Grenze von mir übertreten wird. Und wenn es so ist, kann ich klar dafür einstehen, es erklären und begründen und meinem Kind fällt es leichter, diese zu respektieren, weil es lernt, diese zu verstehen und nachzuvollziehen. Ich möchte ja keine gehorsamen Kinder, die einfach nur ohne Widerworte machen, was ich sage. Das war eine notwendige Erziehungsmaßnahme in Zeiten, als Familien in Gefahr waren. Wir brauchen heute keine Autoritätshörigen Kinder mehr, sondern Kinder, die Dinge hinterfragen, die diskutieren und für ihre mentale Gesundheit sorgen können. Wenn ich einfach nur sage "Das macht man nicht" (weil ich es so gelernt habe) ohne zu hinterfragen, ob es wirklich ein Problem für mich darstellt, lernt mein Kind nur daraus, dass es das beim nächsten Mal heimlich macht.

 

Es gibt auch Strukturen: es gibt z.B. Frühstück, Mittag, Abendbrot. Das Kind entscheidet mit, was es isst und ob es isst. Wir planen gemeinsam das Essen der Woche, zum Frühstück gibt es eine Auswahl, so dass das Kind entscheidet, was es davon isst. Es ist anstrengend alles zu diskutieren, aber das ist es mir wert. Denn so gibt es keine Machtkämpfe. Das Kind lernt, dass  sein*ihr Körper ihr*ihm gehört und niemand das Recht hat, diesen Körper anzufassen, wenn es das nicht will, es zu waschen oder ähnliches. Das ist Prävention für sexuelle und gewaltvolle Übergriffe. Denn wenn unsere Kinder lernen, dass die Menschen, denen sie am meisten vertrauen, nicht einmal ihre Grenzen respektieren, warum sollte es denn jemand anderes tun. Wie sollen unsere Kinder so lernen, für ihre eigenen Grenzen einzustehen?

 

Bei uns gibt es nur eine Regel: "Alles bleibt heile". Das heißt meine Kinder dürfen seit ihrer Geburt so ziemlich alles machen, was sie wollen, solange sie darauf achten, niemandem zu schaden oder Gegenstände zu zerstören. Und diese Regel üben wir. Alles andere ist gegenseitige Rücksichtnahme und Achtsamkeit. Das leben wir einander vor und erklären unsere Grenzen und Bedürfnisse. Und das funktioniert ausgesprochen gut.

 

Welche Regeln braucht ihr?

 

Wenn wir von Anfang mit unseren Kindern in den Dialog treten und Dinge und Zusammenhänge erklären, lernen sie daraus. Und natürlich können wir sagen, wir machen das einfach so, wie das mit uns gemacht wurde. Aber das möchte ich nicht. Denn in dieser Erziehung werden Kinder als Objekte gesehen und behandelt, statt als Menschen. Erwachsene tun so, als wüssten sie alles besser und müssten Kinder erst formen. Sorry, aber die meisten Erwachsenen sind ziemlich misslungen. Wir haben alle unsere Macken, viele haben riesige Probleme (finanziell, ernährungstechnisch, Süchte, Gewalt, Zwänge,..) und fast jede:r von uns könnte eine Psychotherapie vertragen. Und diese überaus gelungenen Erwachsenen, die unseren Planeten zerstören, dem Kapitalismus verfallen sind, morden, vergewaltigen, erniedrigen,.. sind dann der Überzeugung, dass sie diesen kleinen Menschen, die ausschließlich gut sind, sagen wollen, wie sie zu sein haben?!

 

AUF KEINEN FALL!! Denn wir wissen es nicht besser.

 

Ich möchte, dass wir Kinder endlich sein lassen, wie sie sind. Denn wenn wir es nicht tun, haben sie die gleichen Stimmen in sich, mit denen wir zu kämpfen haben: " Ich bin nicht gut, so wie ich bin" "Ich muss brav und lieb sein, damit ich geliebt werde" " Ich werde geliebt, wenn..". Ich möchte, dass meine Kinder immer wissen, dass sie gut so sind, wie sie sind. Dass sie sich nicht anbiedern müssen, sich nicht verbiegen müssen, dass sie nicht irgendwas für irgendwen tun müssen, um geliebt zu werden. Und wenn wir uns wünschen, dass Kinder irgendwelche Werte übernehmen, tun sie das durch Nachahmung und nicht dadurch, dass wir sie zu etwas zwingen, sondern in dem wir es vorleben (Entschuldigung, Danke, Rücksichtnahme, ..). Kinder ahmen aber vor allem Verhalten von Menschen nach, mit denen sie sich verbunden fühlen. Die Verbindung zum Kind wird aber absolut brüchig, wenn ich ständig über dessen Kopf hinweg entscheide. In Momenten, in denen ich übergriffig werde und mein Kind einfach schnappe, es wegschleppe, es dusche, gewaltvoll die Zahnbürste in den Mund stecke, bin ich nicht mit meinem Kind in Verbindung. Ich spüre meine Macht, ich denke, dass ich entscheide und das Kind hat zu machen, was ich sage und ich sehe mein Kind als Objekt - in diesem Moment ist es nicht mehr MEIN KIND.

 

Es ist übrigens auch total normal auf solche Ansätze sehr anti zu reagieren. Das ist Selbstschutz. Denn wir haben ja alle genau diese Art der Erziehung erlebt und damit würden wir unsere Eltern und uns selbst extrem in Frage stellen. Und das mündet häufig erst mal in Abwehr. Wir sind alle durch diese Art der Erziehung traumatisiert. Und immer wenn uns was besonders dolle piekst, dann steckt da was dahinter.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0